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GUTES GELD Barcamp: Ist Geld böse?

GUTES GELD Barcamp: Ist Geld böse?

180504_OikoCredit_bcgg18__023.jpg08. Mai 2018

Es wurde gepitcht, geslamt und vor allem diskutiert. Rund 60 Interessierte waren zum ersten GUTES GELD Barcamp am 4. Mai in den Stuttgarter Wizemann.Space gekommen. Gesucht wurden Antworten auf Fragen wie „Brauchen wir eine neue Weltwährung?“ „Wie kann man gutes Geld multiplizieren?“ und „Gibt es überhaupt‚ gutes Geld‘“?

„Wir haben keine Referenten eingeladen, alles ist offen, Ihr gestaltet den Abend“, meint Organisator Benjamin Buntzel zur Begrüßung und bittet um Vorschläge. Andrea tritt vor, sagt, sie würde gern über Urlaub reden, über „Urlaub mit Sinn“. Volker findet das Thema „Divestment“ wichtig. Tim möchte eine Genossenschaft für „nachhaltige Versicherungen“ gründen. Ein paar Stichworte, das muss reichen, dann ergreift der oder die nächste das Mikrofon und wirbt – oder wie es neudeutsch heißt: pitcht – für eine weitere „Session“.

Nicht alle Sessions, also Gesprächsrunden, finden letztlich statt. Nach kurzer Abstimmung, welche die interessantesten Themen sind, teilen sich die TeilnehmerInnen in fünf Gruppen auf, diskutieren je eine Stunde. Dann gibt es eine Viertelstunde Pause. Und die zweite Session-Runde beginnt. Wieder eine Stunde lang.

Anna von der Jugendinitiative der Nachhaltigkeitsstrategie bietet seit längerem „Nachhaltige Stadtrundgänge“ durch Stuttgart an. Für Schulklassen, FÖJ- oder FSJ-Gruppen oder andere Interessierte. Beim Barcamp will sie eine weitere Station entwickeln – klar, zum Thema „Geld“. Wo wäre der richtige Ort dafür? Auf dem Börsenplatz, vor der Zentrale der Landesband Baden-Württemberg, in der Münzpräge im Stadtteil Bad Cannstatt oder vor der ökosozialen GLS-Bank am Eugensplatz? Immer neue Vorschläge gibt es unter den rund zehn TeilnehmerInnen. Über was könnte man überhaupt bei so einer Stadtführung reden? Und überhaupt: Wie macht man das doch recht abstrakte Thema Geld anschaulich? Mehr infos zu den Stadtführungen hier .

Ist das dann nicht Sippenhaft?

„Reisen erweitert den Horizont. Es ist gut, die Welt nicht nur mit unserer deutschen Brille zu sehen“, darin waren sich die TeilnehmerInnen der Session „Urlaub mit Sinn“ schnell einig. Doch was ist mit Reisen in die Türkei? Sollte man das Land derzeit aus politischen Gründen meiden, das System Erdogan nicht auch noch mit seinem Geld unterstützen? Oder nimmt man damit das gesamte türkische Volk in „Sippenhaft“? Dass Flugreisen ökologisch, weil extrem klimaschädlich, höchst problematisch sind, ist bekannt. Doch ist die Antwort: gar nicht mehr fliegen? Oder nur noch alle zehn Jahre? Ist ein längerer Urlaub vielleicht die Alternative zu mehreren Kurztrips? Sollte ein Urlaub nicht in erster Linie zur Erholung da sein, überfordern wir uns nicht mit zu vielen Ansprüchen an Unterkunft, Verkehrsmittel und Wahl des richtigen Landes? Viele Fragen, die jede und jeder wohl für sich selbst beantworten muss.

Geld von Rüstungsunternehmen ist tabu

In der Session „Gutes Geld im Alltag“ werden erst einmal ganz grundsätzliche Fragen gestellt: „Gibt es ‚gutes‘ und wenn ja, gibt es dann auch ‚böses‘ Geld?“ „Oder ist Geld einfach nur Geld und es kommt darauf an, was wir daraus machen?“ „Wie treffen wir unsere Kaufentscheidungen?“ Auch die Frage nach dem „woher“ ist interessant: „Wie verdiene ich mein Geld?“ Eine Teilnehmerin sagt: „Ich nehme nicht jeden Auftrag an“. „Schön, wenn man sich seine Auftraggeber aussuchen kann“, wirft ein anderer ein. „Da gibt es für mich keine Kompromisse. Konzerne, die mit Rüstungsindustrie Geld verdienen, sind für mich tabu“, führt die erste Teilnehmerin weiter aus. Andere Teilnehmer finden, dass gutes, im Sinne von ökologischem, ethischem und sozialem Verhalten „belohnt“ werden sollte: „Warum ist öko meist teurer? Sollte es nicht eine Art Bonus für entsprechendes Verhalten geben?“ Viele nicken. Doch nicht alle: „Das ist doch eine Frage von Sinn: Wenn du regionale Bauern unterstützt, siehst du, was mit deinem Geld geschieht. Wenn du Genossenschaftsanteile an der taz kaufst, dann weißt du, welche Art von Journalismus du unterstützt. Und wenn du fliegst, aber deine CO2-Emissionen über die Klima-Kollekte oder atmosfair kompensierst, dann ist das gut für das Klima.“ Es sollte eine Art „Arbeitsamt für gutes Geld“ geben, eine „Plattform“ mit guten Adressen, kommt als weitere Idee auf – utopia.de lässt grüßen.

Auf dem Barcamp duzen sich alle, das erklärt Organisator Benjamin schon zu Beginn. Kein Thema, die meisten der rund 60 Teilnehmer sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Viele haben über Facebook und Twitter von der Veranstaltung erfahren, manche kamen, weil ihr Professor in einer Vorlesung dafür geworben hatte oder eben vom Hörensagen.

Armut, Jesus und Geld

Gegen 20:30 Uhr tritt Daniel Wagner auf, Gewinner des GUTES GELD Poetry Slams in Augsburg 2018 „Ich mag Poetry Slam nicht“, hatte eine Teilnehmerin noch kurz vorher Veranstaltung gesagt, meist sei es „mehr gewollt als gekonnt und gezwungen lustig“. Nach dem Auftritt dann ganz andere Kommentare: „Wahnsinn! Der baut etwas auf, erzählt von Armut, Jesus, Geld und du weißt nicht, was das soll, aber dann wird das immer komplexer und letztlich kriegt er die Kurve, da wäre ich nie darauf gekommen.“ „Großartig, klug und total witzig“.

Was bleibt?

Was bleibt nach gut fünf Stunden erstes Gutes Geld Barcamp in Stuttgart? Anregende Gespräche, neue Kontakte und ein paar Anregungen? Sicher. Aber mehr? „Das muss sich zeigen“, meint Organisator Benjamin. Später auf dem Heimweg in der S-Bahn, sitzen einige der Teilnehmer zusammen: „Ich wusste nicht, dass es so etwas wie die GLS Bank und ökologische Anlagen in Stuttgart gibt“, meint einer. Ein anderer erzählt, warum er dort seit seinem ersten richtigen Gehalt immer wieder Geld anlegt. „Ich will beim Einkaufen künftig mehr nachdenken“, verspricht ein anderer. „Auf jeden Fall war es total anregend. Wir kommen wieder“, resümiert eine Teilnehmerin. Eine nächste Gelegenheit dafür gibt es voraussichtlich im Frühjahr 2019.

Philipp Pfäfflin

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