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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

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Wir bleiben dran, auch wenn es schwierig wird

Wir bleiben dran, auch wenn es schwierig wird

Irene©Julia Krojer (2).jpg28 September 2018

Die Ziele sind klar, der Erfolg ist sichtbar, die Lage herausfordernd. Irene van Oostwaard ist Finanzdirektorin von Oikocredit und hat dennoch weit mehr im Blick als Finanzzahlen. Helmut Pojunke und Marion Wedegärtner sprachen mit ihr in Amersfoort.

Oikocredit verbindet seit über 40 Jahren erfolgreich wirtschaftliche Nachhaltigkeit und soziale Wirkung. Wie schaffen Sie das?

Irene van Oostwaard: Es ist ein Balanceakt. Er funktioniert, weil wir finanzielle und soziale Aspekte auf allen Ebenen unserer Organisation im Blick haben. In allen Abteilungen und Entscheidungsgremien bis zur Geschäftsleitung sind beide Bereiche vertreten. Wir balancieren wirklich aus. Das eine ohne das andere geht nicht. Das ist nicht immer einfach und führt konsequenterweise zu Diskussionen, bis hin zu Fragen wie: Wer ist arm? Wem dienen wir? Erreichen wir wirklich unsere Zielgruppe? Manchmal fühlt sich das so an, als seien wir dadurch langsam, schwerfällig. Aber es versetzt uns auch in die Lage, Entscheidungen wirklich zu durchdenken, ehe wir sie treffen. Ich bin im Vorstand für die Finanzen verantwortlich. Wenn wir bei Oikocredit von Finanzen sprechen, geht es nicht nur um wirtschaftliche Fakten, sondern auch um die messbaren Ergebnisse in der sozialen Wirkung. Ich denke übrigens, dass der klare Fokus auf soziale Wirkung zu unserem Erfolg beiträgt. Das ist das, was die Investor*innen wollen, deswegen legen sie ihr Geld bei uns an. Uns hilft, dass wir eine starke Genossenschaft sind. Unsere Mitglieder sind ein gutes Korrektiv. Sie sorgen dafür, dass wir mit den Füßen auf dem Boden bleiben.

Wie ist das auf der Ebene der Partnerorganisationen. Gibt es Projekte, die finanziell weniger, sozial aber mehr erfolgreich sind und umgekehrt oder müssen auch die in sich ausbalanciert sein?

 Irene van Oostwaard: Das kann man nicht generalisieren. Wir versuchen natürlich die Partner zu finden, die beides optimal abdecken. Aber das geht nicht immer. Nicht jedes Projekt ist in beiderlei Hinsicht fantastisch. Also müssen wir abwägen. Es gibt Minimumstandards für das Finanzielle und das Soziale, und die sind im Vergleich zu anderen Organisationen sehr hoch. Am Ende zählt die Balance im Gesamten. Finanzierungen in der Landwirtschaft beispielsweise sind eine echte Herausforderung. Es gibt nicht viele Organisationen, uns eingeschlossen, die da profitabel agieren können. Aber die soziale Wirkung in dem Sektor ist sehr groß. Deswegen investieren wir in Landwirtschaft. Kann sein, dass das finanziell weniger erfolgreich ist, aber wir machen das wegen des sozialen Erfolgs, und müssen es dann mit einem anderen Teil des Portfolios ausgleichen, der finanziell erfolgreicher ist.

Irene van Oostwaard, Finanzdirektorin von Oikocredit.

Oikocredit investiert in Mikrofinanz, Landwirtschaft und erneuerbare Energien. Bisher schwerpunktmäßig, künftig ausschließlich. Gibt es für Sie als Finanzdirektorin bevorzugte Sektoren?

Irene van Oostwaard: Nein, die Auswahl ist gut. Man muss fokussieren, die Nähe zu den Partnern pflegen und dranbleiben, auch wenn die Zeiten einmal schwieriger werden. Damit sind wir vollauf beschäftigt. Für die Landwirtschaft allein benötigt man immens viel Fachwissen. Wenn man beispielsweise nicht wirklich versteht, wie die Besonderheiten und die Abläufe beim Kaffee- oder Kakaoanbau sind, kann man diese Sektoren nicht gut finanzieren. Wir wollen ein wirklich guter Geschäftspartner sein. Wir müssen wissen, was wann gebraucht wird. Wenn also Landwirtschaft in finanzieller Hinsicht ein schwieriger Sektor ist, laufen wir nicht weg. Das haben wir immer so gehalten. Als wir mit der Mikrofinanz anfingen, waren wir einer der ersten und nur, weil wir nicht aufgegeben, sondern durchgehalten haben, haben wir dazu beigetragen, sie erfolgreich zu machen.

Lassen sich die Sektoren denn überhaupt trennen? In Asien beispielsweise gibt es viele Mikrofinanzinstitutionen, die landwirtschaftliche Aktivitäten fördern und finanzieren.

Irene van Oostwaard: Das stimmt. Anderes Beispiel: Wir finanzieren keine Wohnungsbauaktivitäten, aber wir finanzieren Mikrofinanzinstitutionen, die im sozialen Wohnungsbau aktiv sind. Die Partner sind die Experten, nicht wir. Was wir also Investitionen im Landwirtschaftssektor nennen, ist wirklich die direkte Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Kooperativen oder Sozialunternehmen, insofern trennen wir das schon. Hilfreich ist, nach Regionen zu unterscheiden. In Asien beispielsweise engagieren wir uns in geringerem Umfang in der Landwirtschaft, weil wir dort nicht genügend Fachwissen haben, in Südamerika und in afrikanischen Ländern dagegen stark.

Manchmal bekommen wir von engagierten Mitgliedern Anfragen, warum Oikocredit nicht dieses oder jenes Projekt unterstützt. Wenn wir sagen, wir sagen, das passt nicht ins Profil, da kennen wir uns nicht aus, ist das mitunter schwer nachvollziehbar.

Irene van Oostwaard: Ja, aber genau so ist es. Wir müssen uns auf die Bereiche konzentrieren, in denen wir Erfahrung haben und auf Projekte, die unsere Finanzierungskriterien erfüllen.

Trägt zum Erfolg auch bei, dass die Anleger*innen nicht von möglichst hohen Dividenden ausgehen – bisher wurden nie mehr als zwei Prozent ausgezahlt?

Irene van Oostwaard: Auch die zwei Prozent waren und sind nicht in Stein gemeißelt. Vor 40 Jahren gab es überhaupt keine Dividende, erst ab 1989 hat die Genossenschaft dann zwei Prozent ausgeschüttet mit Ausnahme von zwei Jahren, in denen es nur ein Prozent war. Aber es stimmt: Was wirklich hilft ist, dass wir sehr loyale Anlegerinnen und Anleger haben, die ihr Geld langfristig zur Verfügung stellen, die nicht die höchste Rendite wollen. Wer das will, geht woanders hin. Das ermöglicht es uns, so viel Geld wie möglich in die Projekte und in die soziale Wirkung zu investieren. Als das Management letztes Jahr zwei Prozent Dividende vorschlug, waren sogar mehrere Genossenschaftsmitglieder dafür, weniger auszuzahlen und den Differenzbetrag in Schulung und Beratung für die Partnerorganisationen zu investieren. Das ist toll und einzigartig. Es war ja auch ein starkes Statement der Mitglieder, dass sie Geld bei Oikocredit für zwei Prozent angelegt haben in Zeiten, als es anderswo sechs oder sieben Prozent Rendite gab. Allerdings waren in den letzten Jahren zwei Prozent gar nicht so übel und wir wissen nicht, wer deswegen bei uns angelegt hat. Das verändert die Situation schon etwas. Aber allemal ist es unser Ziel, eine wenn auch bescheidende Dividende auszuzahlen.

Währungsschwankungen zwischen Euro und US-Dollar hat es immer schon gegeben; was hat die Situation 2017 so besonders gemacht für Oikocredit?

Irene van Oostwaard: Im Blick auf äußere Einflüsse war die Stärke des Euro 2017 extrem, im Blick nach innen muss man bedenken, dass wir über die letzten Jahre stark gewachsen sind. Wenn man größer ist, wirken sich die Wechselkursveränderungen eben auch stärker auf das Gesamtergebnis aus.

Wie groß ist Oikocredit im Vergleich zu Wettbewerbern im Markt?

Irene van Oostwaard: Wir bewegen uns ja nicht nur in einem Markt. Unser Kapital kommt aus aller Welt und wir vergeben es weltweit. Es ist privates Geld. Dahinter stecken keine großen Geldgeber oder Staaten. Das ist ungewöhnlich und lässt sich schwer mit anderen vergleichen. So betrachtet sind wir einzigartig und verglichen mit Wettbewerbern relativ groß. Wir werden sehr ernst genommen. Wenn wir ein Darlehen genehmigen, dann folgen oft andere Institutionen. Viele vertrauen uns. Wir haben eine Marke aufgebaut. Mein Wohnungsnachbar mag den Namen Oikocredit befremdlich finden, aber Leute, die sich auskennen und im Sektor arbeiten, kennen uns sehr gut.

Wir im Förderkreis werden immer wieder von Anleger*innen gefragt: Braucht Ihr überhaupt noch mehr Geld? Das ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass sinnvolle Investitionsmöglichkeiten bekanntlich rar sind.

Irene van Oostwaard: Antwort in Großbuchstabenbitte: YES! Ich will es gern erläutern. Wir brauchen nicht zu jedem Zeitpunkt mehr Geld. Wenn wir auf unsere aktuelle Bilanz sehen, können wir sagen: Wir sind ganz schön liquide. Wir müssen sehen, dass wir das Geld so investieren, dass es sinnvoll genutzt wird und Zinsen abwirft. Als Einlage bei der Bank tut es das nicht. Wir wollen zwar einen Teil des Kapitals zu Liquiditätszwecken in ethische Wertpapieranlagen („Term Investments“) investieren, aber das entspricht nicht unserer eigentlichen Aufgabe. Denn die ist, in Entwicklungsfinanzierung zu investieren. Aber wir haben eine überarbeitete Strategie und wir wollen weiter wachsen, dafür brauchen wir Kapital.

Apropos Term Investments. Der Begriff bezeichnet den Teil des Vermögens der Genossenschaft, der überwiegend in Staats- und Unternehmens-anleihen investiert wird um die Liquidität zu sichern und Risiken zu begrenzen. Bei einer Konferenz 2017 in Wien gab es dazu eine kritische Diskussion und als Folge ein neues Richtlinienpapier. Ist es umgesetzt?

Irene van Oostwaard: Ja. Wir haben die neue Anlagepolitik mit unserem Vermögensverwalter bei Axa umgesetzt, aber dabei auch gemerkt, dass sie bislang noch zu viele Freiräume bietet und Fragen offenlässt. Wir haben daraufhin die Richtlinien und das aktuelle Portfolio an Ethibel, eine belgische Nichtregierungsorganisation, mit der wir zusammenarbeiten, geschickt und gebeten uns zu sagen, ob im Blick auf Titel großer multinationaler Konzerne das Portfolio den ethischen Anlagerichtlinien entspricht. Ihre Antwort war: Ja. Wir finden aber, solche Titel passen dennoch nicht zu Oikocredit. Sie haben uns empfohlen, die Richtlinien nachzubessern beziehungsweise zu präzisieren, beispielsweise explizit zu erwähnen, dass wir nicht in Firmen investieren, die Tierversuche machen. Das ist bereits Praxis, aber wir müssen das deutlicher formulieren und generell die Maßstäbe strenger gestalten. Was ist für uns noch akzeptabel und was nicht? Beides erarbeiten wir jetzt gemeinsam mit Ethibel. Ethibel findet unsere Richtlinien insgesamt sehr modern und zukunftsweisend, wie übrigens der Vermögensverwalter bei Axa auch, und hat uns ein dickes Lob in Bezug auf Transparenz ausgesprochen. In der neuen Anlagenrichtlinie steht auch, dass sich Oikocredit aktiv engagiert, das heißt, wenn wir Anleihen verkaufen, kommunizieren wir auch, warum. Wir wollen, dass die Unternehmen ihre Praktiken ändern und es ist meine Erfahrung, dass sie das auch tun, dass sie wirklich zuhören. Ich finde, man sollte ihnen dann auch eine zweite Chance geben. Wenn man sich nicht einfach nur zurückzieht, dann kann man wirklich etwas verändern. Das fällt für mich auch unter Erfolg. Wir müssen auch mit Banken zusammenarbeiten, bei denen uns nicht alles behagt. Es gibt beispielsweise nur eine internationale Bank, die für die Auszahlung unserer Finanzierungen in Afrika in Frage kommt, wir müssen mit ihr zusammenarbeiten, ansonsten könnten wir unsere Partner nicht finanzieren. Auch das ist ein Balanceakt. Wir leben immer noch in dieser Welt. Wir machen das so gut wie möglich.

Welche drei wichtigen Vorhaben wollen Sie als Finanzdirektorin 2018/2019 realisieren?

Irene van Oostwaard: Wichtigstes und größtes Projekt ist die Umsetzung der überarbeiteten Strategie. 2018/2019 werden die Jahre des Wandels. Dann arbeite ich daran, alle Genossenschaftsmitglieder, Investor*innen, Partnerorganisationen und Kooperationspartner nicht nur mit Zahlen und Ergebnissen, sondern auch Hintergrundinformationen zu versorgen. Und als Drittes, ganz wichtig, möchte ich erreichen, dass in unsere offiziellen Bilanzen nicht nur die wirtschaftlichen Zahlen einfließen, sondern auch messbare Resultate der sozialen Wirkung. Die nackten Finanzzahlen repräsentieren nicht, was wir sind. Wir haben eine eigene Forschungsabteilung im sozialen Wirkungsmanagement, die zu den Partnern geht und recherchiert, Daten sammelt und auswertet. Nicht nur darüber, wie viele Menschen wir über die Partner konkret erreichen, sondern auch wie viele Frauen, mit welchem Resultat. Das ist real. Geschichten von Menschen zu kommunizieren ist wichtig, aber das ist nicht alles. Wir wollen ein größeres Bild zeigen und wir haben die Daten dafür.

Sie arbeiten seit 2010 für die Genossenschaft. Was gefällt Ihnen an der Arbeit für Oikocredit?

Irene van Oostwaard: Ich war Wirtschaftsprüferin, Oikocredit war ein eher kleines unter vielen großen Unternehmen, für die ich gearbeitet habe. Bei Oikocredit habe ich mich beworben, weil ich mit meinem Können und Wissen zum Erfolg beitragen wollte. Ich hatte das Privileg, gleich zu Anfang viele Partnerorganisationen zu besuchen. Das finde ich enorm wichtig, um zu verstehen, was ich da eigentlich mache hinter meinem Schreibtisch in Amersfoort. In Chennai habe ich im Juni die Kundin einer Mikrofinanzinstitution besucht, die ein kleines Geschäft hat. Ihre Tochter war dabei, die studierte, Englisch sprach und übersetzen konnte. Auf die Frage, wer ihr Vorbild sei, sagte sie: „Meine Mutter“. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Sie habe ihr gezeigt, dass man es schaffen kann, sein Leben zu verändern. Nur deshalb hat die Tochter eine bessere Zukunftsperspektive. Und auch wenn wir als Oikocredit nur einen winzig kleinen Beitrag dazu leisten, indem wir die Institution finanzieren, die die Mutter finanziert, ist das der Grund, warum ich hier jeden Tag zur Arbeit komme. Was wir hier machen, schafft einen Unterschied.

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