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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

Förderkreis Baden-Württemberg
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Oikocredit Mitgliedervesammlung in Ulm: Ist gutes Leben für alle trotz Klimawandel möglich?

Oikocredit Mitgliedervesammlung in Ulm: Ist gutes Leben für alle trotz Klimawandel möglich?

2019_MV_0206. Mai 2019

Ohne massive Veränderungen der Wirtschaft hat die Menschheit auf diesem Planeten keine Zukunft. Diese Aussage stand am Anfang der Mitgliederversammlung des Oikocredit Förderkreises Baden-Württemberg letzten Samstag in Ulm. Wie trotzdem „gutes Leben für alle“ möglich sein könnte, das diskutierten mehr als 150 Anlegerinnen und Anleger mit einem Forscher für die Transformation von Wirtschafts- und Sozialsystemen.

„Wenn wir so weitermachen, gehen wir ins Katastrophenszenario. Dann machen wir die Erde schrittweise unbewohnbar“, warnte Dr. Tilman Altenburg. Der Wirtschaftsgeograph vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn nannte als Gefahr nicht nur die „längst unumkehrbare Erderwärmung“, sondern etwa auch das „massenhafte Artensterben“ und „belastetes Trinkwasser durch die intensive Landwirtschaft“.

„Es gibt keine Vorbilder“

Um die Klimaziele von Paris noch einigermaßen einhalten zu können, dürfte pro Mensch und Jahr nur eine Tonne CO2 emittiert werden. Laut Umweltbundesamt sind es aber in Deutschland elf Tonnen. Etliche andere Länder sind in diesem Punkt deutlich besser, sprich: ihre Pro-Kopf-Emission liegt tatsächlich bei einer Tonne oder weniger, erläuterte Altenburg anhand einer Grafik. Allerdings seien diese Länder alle „krass arm“. Altenburgs Fazit: Sie sind kein Vor- oder Leitbild. Die Lösung müsse anders erreicht werden. Doch wie?

Erstens muss Umweltverschmutzung kosten – und zwar so viel, dass die Folgeschäden eingepreist sind und es damit einen deutlichen Anreiz gibt, eben nicht mal kurz in den Flieger zu steigen, so der Bonner Forscher. Was dabei nicht gehe, dass alles teurer werde und weite Teile der Gesellschaft sich kaum noch etwas leisten könnten. Altenburgs Appell: Die Einnahmen durch eine Umweltsteuer oder einen Emissionshandel müssten an anderer Stelle den Bürgerinnen und Bürgern wieder zu Gute kommen, zum Beispiel als Steuererleichterungen.

Zudem brauche es eine Transparenzpflicht für Umweltrisiken in Konzernbilanzen. Konzerne mit Ölquellen oder Hersteller von Verbrennungsmotoren wären demnach kaum noch etwas wert. Der Druck von den Aktionär*innen würde so steigen, dass die Unternehmen umsteuern müssten, so Altenburg.

Dr. Tilmann Altenburg liefert mögliche Lösungen für ein gutes Leben für alle.

Beim Thema Konsumverzicht wird es emotional

Als dritten Punkt führt der Experte für Transformation von Wirtschafts- und Sozialsystemen aus: „Ohne weniger Konsum geht es nicht“. Dass viele Mitmenschen bei diesem Punkt sehr empfindlich reagieren, weiß er. Geradezu reflexartig kämen Vorwürfe und Anschuldigungen wie „Ökodiktatur, grüne Spinnerei oder Verbote auf Kosten des kleinen Mannes.“ Auch WissenschaftskollegInnen aus Südamerika hatten sich über das „Hasenfutter“ beschwert, sprich: das vegetarische Essen, das ihnen im Forschungsinstitut angeboten wurde. Altenburg dazu: „Wir können nicht als Nachhaltigkeitsinstitut Steaks auf den Tisch bringen.“

Einer Frau aus dem Publikum gingen die Vorschläge nicht weit genug. „Die, die Geld haben, denen ist das alles egal.“ Sie würden trotzdem fliegen, schwere Autos kaufen etc., so ihre Befürchtung. Eine Zuteilung nach dem Prinzip, jeder darf alle zehn Jahre höchstens eine Flugreise machen und maximal einen Kleinwagen nutzen, hält Altenburg hingegen nicht für gesellschaftlich durchsetzbar. Er warb viel mehr für eine Mischung von Preisanreizen, Regulierung und Partnerschaften mit Unternehmen, außerdem für den massiven Ausbau der ökologischen Landwirtschaft, von erneuerbaren Energien und fairem Handel.

Geldflüsse sinnvoll lenken

Das sind auch genau die Handlungsfelder, die die internationale Genossenschaft Oikocredit seit 1975 im Blick hat. Aus Baden-Württemberg beteiligen sich rund 8.000 Menschen und Organisationen und haben mehr als 160 Millionen Euro bei Oikocredit investiert. Mit ihrem Kapital will Oikocredit die Finanzwelt gerechter gestalten und finanziert derzeit rund 700 soziale Unternehmen in Entwicklungsländern. Dadurch werden dringend benötigte Arbeitsplätze geschaffen, kleinbäuerliche Landwirtschaft und erneuerbare Energien gefördert  und die Lebensbedingungen von Menschen mit geringem Einkommen verbessert. „So kann auch eine Geldanlage helfen, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen“, sagt Altenburg. Denn die extreme Armut sei zwar rückläufig, aber der Reichtum immer noch ungleich verteilt: Laut der neuesten Oxfam Studie besäßen die 62 reichsten Menschen inzwischen mehr Geld als die 50% der ärmeren Weltbevölkerung. An dieser Schieflage arbeiten auch andere Organisationen aus dem Ulmer Raum, die bei der Mitgliederversammlung von Oikocredit ihr Anliegen vorstellten. Die Bandbreite von Fridays for Future, über die Gemeinwohlökonomie, Divest bis zum Weltladen zeigte deutlich, dass das Problembewusstsein inzwischen in allen Altersgruppen angekommen ist.

(Text: Philipp Pfäfflin)

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